Manchmal will auch der Pianist wohl gestimmt werden

Manchmal sind es die leisen Töne, die wichtig sind...
Vor einigen Jahren, in einem großen Konzerthaus im Westen unserer Republik. Der Konzertflügel auf dem Podium war geprüft, nachgearbeitet und gestimmt. Es war ein schöner D-Flügel mit einer farbenreichen homogenen Klangwelt. Ich mochte ihn.
Kurz nach 18 Uhr begab ich mich auf den Weg zur Künstlergarderobe, um mit dem Pianisten die letzten Feinheiten zu besprechen. Ein rundlicher alter Herr begrüßte mich. Er war aufgeregt. Nicht dem Flügel galt seine Sorge, sondern seinen Händen. „Jun-gerrr Maannn!“ knarzte er mit seinem leichten aber unverkennbaren russischen Akzent. „Isch werrrde nischt spielen kennen. Meijne Hääände sind so kalt! Meijne Fin-gerrr sind so steif!“
Da stand also dieser fantastische Virtuose, der bereits sechs Jahrzehnte auf den großen Bühnen dieser Welt bestritten hatte, und verging vor Lampenfieber. Er war dem Podium vor diesem Abend längere Zeit fern geblieben und wollte nun seine Europa-Tournee eröffnen. Um ihn herum herrschte hektisches Treiben, und der Auftritt rückte immer näher. Und er wollte nichts vom Flügel hören.
Ich war mir nicht sicher, was ich tun könnte. Statt also mit ihm über den Flügel zu sprechen, verwickelte ich ihn in ein Gespräch über seine Jugend und seine Heimat, setze mich mit ihm an einen Tisch und begann, seine Hände warm zu reiben und seine Finger zu massieren.
Nach einiger Zeit standen seine Managerin und der Veranstalter in der Tür – und schauten etwas irritiert. Da stand er zackig auf und sagte voller Elan: „Isch bün soweit! Wir kennen beginnen!“
Natürlich gab er ein fantastisches Konzert und genoss seinen Platz auf dem Podium. Leider war es sein letztes Konzert auf dieser Bühne, er verstarb nur wenige Monate später…